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Arzt und Vergewaltiger - Uni-Professor prangert Umstände der Inhaftierung an
12.09.2012 - 09:57
Dieser Fall sorgte für großes Aufsehen: ein ehemaliger Arzt aus dem westallgäuer Scheidegg wird aus seinem Wohnhaus entführt, vor einem französischen Gericht abgelegt und inhaftiert.
Warum? Er soll 1982 seine Stieftochter Kalinka betäubt haben, um sie zu vergewaltigen - dabei starb das Mädchen. Doch: ein deutsches Gericht hat ihn freigesprochen. Die Todesursache könne nicht zweifelsfrei nachgewiesen werden. Zwar wurden Einstichwunden an der Leiche der damals 15-jährigen gefunden, doch dies erklärt der Mediziner mit einem Eisenpräparat, dass er seiner Stieftochter wegen ihrer Blutarmut gespritzt habe. Bis zur höchsten Instanz, sogar dem Oberlandesgericht in München, glaubt die deutsche Justiz der Version des Artzes - ein verzwickter Fall.

Gar für unhaltbar hält die Umstände Professor Dr. Otto Lagodny von der Universität Salzburg. Ihn hatte der Arzt aus der Haftanstalt per Brief angeschrieben und um Hilfe angefleht.

AllgäuHIT: Was haben Sie konkret mit dem Fall zu tun?
Lagodny: "Der Fall ist mir schon längere Zeit vertraut. Ich habe damals mit einem Kollegen eine Menschenrechtsbeschwerde verfasst, die seinerzeit gegen die erste Verurteilung in Frankreich, in Abwesenheit von Herrn Krombach, erging".

AllgäuHIT: Was ist aus ihrer Sicht das Verwerfliche an dem ganzen Fall?
Lagodny: "Das fängt an mit der Frage, ob man jemanden, der in Deutschland abschließend beurteilt worden ist, nochmal in Frankreich verurteilen darf. Das war lange Zeit streitig. Die deutschen Behörden haben sich lange auf Standpunkt gestellt, dass Sie Herrn Krombach nicht ausliefert. Das Fazit war, dass er entführt worden ist, von dem Vater des Mädchens. Die Konsequenz war hier, dass die Bundesregierung das hingenommen hat. Und das ist der Skandal, egal was Herr Krombach gemacht hat.

AllgäuHIT: Was hat die Tat Krombachs mit diesem Fall, ihrer Meinung, zu tun?
Lagodny: "Das ist völlig zweitrangig. Der Skandal ist doch, dass das europäische Gewaltverbot nicht mehr gilt. Hier wurde ein Mensch auf offener Straße entführt und ein anderer Staat macht sich das zunutze".

AllgäuHIT: In Frankreich ist er verurteilt worden, ein Allgäuer Gericht hat den Arzt aus Scheidegg freigesprochen - fehlten die Beweise?
Lagodny: "Genau so ist es. Die deutsche Staatsanwaltschaft hat in einem mehrfach geprüften Verfahren gesagt, dass sie keinen hinreichenden Tatverdacht sehen. Das ist in Europa eben zu akzeptieren, genauso wie wir akzeptieren müssen, wenn der andere Staat sagt, wir verurteilen es."

AllgäuHIT: Der leibliche Vater hat den mutmaßlichen Täter entführt - der auch noch freigesprochen wurde, können Sie die Entführung nachvollziehen?
Lagodny: "Genau das ist die Urfunktion des staatlichen Strafrechts. Das Opfer oder der Angehörige des Opfers muss akzeptieren, dass das staatliche Strafrecht Grenzen unterliegt. Als Vater hätte ich größtes Verständnis und würde vielleicht ähnlich handeln, aber ich muss es als Vater akzeptieren, dass der Staat mir sagt, das geht nicht, das ist ein nogo."

AllgäuHIT: Dem mutmaßlichen Täter wurde im Gefängnis in Frankreich offenbar Gewalt angetan, so schreibt er es in einem Brief an Sie, er fürchtet um sein Leben...
Lagodny: "Auch das ist ein in Europa untragbarer Zustand. Wo kommen wir denn hin, wenn man im Gefängnis seines Lebens nicht mehr sicher sein kann. Der Staat hat hier eine Schutzfunktion. Er ist Garant dafür, dass dem Strafgefangenen nichts passiert. Es ist auch die Pflicht der Bundesrepublik, nicht nur verbal zu sagen, wir kontrollieren das, sondern sich einzusetzen, dass dem Krombach nichts passiert. Wie gesagt, egal was der Krombach gemacht hat. Das ist die Konsequenz eines staatlichen Strafrechts. Wenn wir das nicht wollen, dann müssen wir das Faustrecht einführen und dann sind wir im Mittelalter. Ich glaube nicht, dass wir das wollen."

AllgäuHIT: Wie geht es in dem Fall jetzt weiter?
Lagodny: "So viel ich weiß, findet eine Rechtsmittelverhandlung statt. Allerdings bin ich erst jetzt wieder aktiv geworden in dem Fall, nachdem ich den Brief von Herrn Krombach erhalten hatte. Das war ein Hilferuf, bei dem ich dachte, ich muss das mir mögliche tun, denn das ist eine flagrante Verletzung des europäischen Gewaltverbots."

Der Dresdner, der am Bodensee praktizierte, wurde 1997 schließlich zu einer Bewährungsstrafe verurteilt. Das Landgericht Kempten sah es als erwiesen an, dass Krombach eine 16-jährige Patientin zuerst betäubt und anschließend sexuell missbraucht hatte. Später musste er eine Gefängnisstrafe verbüßen, weil er trotz eines Berufsverbots weiter praktiziert hatte.

Bis heute bestreitet er die Tötung seiner Stieftochter. Der Entführer war der leibliche Vater des toten Mädchens.

Kurios: Frankreich wurde bereits vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu einer Strafzahlung verurteilt, weil der Arzt ohne eine faire Anhörung, in Abwesenheit, verurteilt wurde. Doch nicht nur Deutschland lieferte den in Scheidegg wohnenden Mann nicht aus, auch die Österreicher, die in bei einer Routinekontrolle in Vorarlberg festgenommen hatten, ließen ihn wieder laufen.

 
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