Moderator: Ingrid Reitenbach
Sendung: Der SonnTALK
mit Ingrid Reitenbach
 
 
Oft erinnern sich Demenzkranke nurmehr an Früher
(Bildquelle: Pixabay)
 
Allgäu
Montag, 20. September 2021

Woche der Demenz: Informationen zum Krankheitsbild

Jedes Jahr erkranken weltweit rund 300.000 Menschen neu an einer Demenz. In Deutschland sind bereits etwa 1,7 Millionen Menschen von einer Demenz betroffen. Allein in Bayern leben 240.000 Menschen mit Demenz. In der Altersgruppe der 10-19-Jährigen übernehmen etwa 5-6 % allgemeine pflegerische Tätigkeiten. Das sind ungefähr 480.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland, also pro Schulklasse 1 bis 2 Kinder, die zuhause kranke Angehörige (nicht nur Menschen mit Demenz) haben, um die sie sich kümmern.

Eine Demenz ist eine anhaltende oder fortschreitende Beeinträchtigung des Gedächtnisses, des Denkens oder anderer Hirnleistungen. In Bayern gibt es viele Unterstützungsmöglichkeiten, die den Betroffenen und deren pflegenden Angehörigen, die in vielen Fällen die Pflege der Betroffenen übernehmen, den Alltag erleichtern möchten.

Was ist eigentlich eine Demenz?

Demenz ist ein Oberbegriff für über 50 Krankheitsformen, die unterschiedlich verlaufen, jedoch langfristig alle zum Verlust der geistigen Leistungsfähigkeit führen. Per Definition spricht man von einer Demenz, wenn neben den nachlassenden geistigen Fähigkeiten eine Veränderung des Sozialverhaltens und des Antriebs einhergeht, welche die Aktivitäten des täglichen Lebens beinträchtigen.

Was heißt das konkret?

Das heißt, dass Menschen mit einer beginnenden Demenz zunehmend vergesslich werden, oftmals verwirrt und orientierungslos wirken, sich auch in ihrer Persönlichkeit verändern und Hilfe bei eigentlich leichten Tätigkeiten im Alltag benötigen, wie beim Anziehen oder beim Essen zubereiten. Mit Fortschreiten der Krankheit steigt der Pflegebedarf der Betroffenen und die Selbständigkeit in der Alltagsbewältigung nimmt immer weiter ab.

Wie stelle ich fest, dass es sich um eine Demenz und nicht nur um altersbedingte Vergesslichkeit handelt?

Der Übergang ist fließend und oft nicht eindeutig zu unterscheiden. Die betroffene Person hat beispielsweise Schwierigkeiten beim Sprechen und Lesen und findet sich im Alltag zunehmend schlechter zurecht und kann nicht mehr für sich selbst sorgen. Menschen mit Demenz ziehen sich zurück und zeigen manchmal auch aggressives Verhalten. Hinzu kommt, dass die genannten Probleme mindestens 6 Monate bestehen müssen, um von einer Demenz sprechen zu können. Die Abklärung sollte durch einen Arzt erfolgen, der bestimmte Tests im Rahmen der Diagnostik durchführt.

Was sind die Ursachen einer Demenz?

Eine Demenz wird vereinfacht gesagt durch den Verlust von Nervenzellen im Gehirn ausgelöst. Warum ein Mensch dement wird und ein anderer nicht, ist nach wie vor unerforscht. Ähnlich wie bei anderen Krankheiten gibt es Faktoren, die das Risiko einer Erkrankung erhöhen oder senken. Grundsätzlich kann eine dementielle Erkrankung jeden treffen.

Es gibt ja verschieden Formen einer Demenz, dann muss es doch auch verschiedene Ursachen geben?

Richtig, die Ursachen einer Demenz sind je nach Art der Demenz unterschiedlich. Während bei einer Alzheimer Demenz Ablagerungen im Gehirn und Entzündungsprozesse zum Verlust von Nervenzellen führen, werden bei einer vaskulären Demenz die Nervenzellen durch eine gestörte Blut- und Sauerstoffversorgung geschädigt. Bei sekundären Demenzen liegen die Ursachen bei Krankheiten außerhalb des Gehirns. Solche Krankheiten sind beispielsweise Depressionen, Vitaminmangel, Stoffwechselerkrankungen Entzündungen und andere neurologische Krankheitsbilder.

Also gibt es doch Ursachen…?

Es gibt Ursachen, warum ein Mensch dementielle Symptome zeigt, eben weil aus verschiedenen Gründen entweder das Gehirn selbst Schaden nimmt oder durch andere Grunderkrankungen. Aber die Gründe warum der eine Mensch Nervenzellen seines Gehirns verliert oder eine Durchblutungsstörung hat und der andere nicht, ist noch nicht ausreichend erforscht.

Wie entsteht eine Demenz? Gibt es Risikofaktoren, die eine Demenz begünstigen? Kann man einer Erkrankung vorbeugen?

Die Ursachen einer Demenz sind sehr vielschichtig und oft nicht oder nur schwer bestimmbar. Risikofaktoren, die eine dementielle Erkrankung begünstigen können, sind z.B. verschiedene genetische Faktoren, eine dauerhaft fetthaltige und ungesunde Ernährung oder familiäre Vorerkrankungen. Der größte Risikofaktor, um an einer Demenz zu erkranken, ist das hohe Alter. Das heißt je älter, desto höher die Chance an Demenz zu erkranken?

Und das ist auch der Grund, weshalb mehr Frauen als Männer von einer Demenz betroffen sind, da die Frauen im Allgemeinen eine höhere Lebenserwartung haben als Männer.

Kann ich vorbeugend etwas dafür tun, keine Demenz zu bekommen?

Grundsätzlich verringert, wie bei anderen Krankheiten, ein gesunder Lebensstil das Demenzrisiko. Dazu gehören beispielsweise regelmäßige körperliche Aktivität, geistige Regsamkeit, soziale Kontakte, eine gesunde Ernährung oder das Vermeiden von dauerhaften Sorgen und Stress. Da Demenzen auch auf Grund anderer Erkrankungen entstehen können, gilt es diese zu erkennen und zu behandeln. Hier gehören beispielsweise die Korrekturen von Vitamin- und Hormonmangelzuständen oder die Behandlung von Depressionen dazu.

Kann ich unter Beachtung dieser Faktoren eine Erkrankung sicher vermeiden?

Nein. Eine Garantie nicht zu erkranken, gibt es nicht. Aber die Chancen werden erhöht.

Wer stellt die Diagnose Demenz?

Die erste Anlaufstelle im Verdachtsfall ist der Hausarzt oder die Hausärztin. Diese verweisen gegebenenfalls weiter an Spezialisten, in diesem Fall Neurologen oder an eine sogenannte Memory Clinic oder Gedächtnissprechstunde. Dort wird die Diagnose mittels verschiedenster Untersuchungen gestellt.

Eine Memory-Clinic hat mit dem Spiel Memory nichts zu tun…Memory ist ein Begriff aus dem Englischen und bedeutet Erinnerung oder Gedächtnis. Memory-Clinic bedeutet also Gedächtnis Klinik. In einer Memory Clinic befasst sich ein Team aus Ärzten, Psychologen, Sozialarbeitern, Ergotherapeuten und Pflegenden mit Themen rund um das Gedächtnis. Es gibt oftmals eine sogenannte Gedächtnissprechstunde zur Frühdiagnostik und Behandlung von Gedächtnisstörungen. Normalerweise verweist der Hausarzt bei Auffälligkeiten, Verdacht auf Demenz dorthin.

Eine frühe Diagnosestellung ist aus verschiedenen Gründen wichtig. Liegt die Ursache in einer anderen, heilbaren Grunderkrankung, kann der Verlauf gestoppt oder sogar wieder umgekehrt werden. Außerdem kann eine frühzeitige Behandlung den Verlauf verzögern und den Betroffenen bleibt Zeit Vorkehrungen zu treffen und noch eigenständig über die zukünftigen Behandlungsoptionen zu bestimmen.

Warum gibt es den Welt-Alzheimertag?

Seit 1994 finden am 21. September in aller Welt vielfältige Aktivitäten statt, um die Öffentlichkeit auf die Situation von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen aufmerksam zu machen. Weltweit sind mehr als 50 Millionen Menschen von Demenzerkrankungen betroffen, zwei Drittel davon in Entwicklungsländern, in Deutschland sind es ca. 1,7 Millionen, worunter ca. 260.000 Menschen mit Demenz in Bayern zu Hause sind.

Auch wenn gegenwärtig eine Heilung der Krankheit nicht möglich ist, kann durch medizinische Behandlung, Beratung, soziale Betreuung und fachkundige Pflege den Kranken und ihren Angehörigen geholfen werden.

Wie kann man sich die Lebenswelt eines Menschen mit Demenz vorstellen?

Um besser zu verstehen, warum Menschen mit Demenz sich so verhalten, wie sie es tun, hilft das Wissen über die Erkrankung und ihre Symptome. Ein Mensch mit Demenz hat beispielsweise Schwierigkeiten, auf sein Kurzzeitgedächtnis zuzugreifen, wohingegen das Langzeitgedächtnis noch viel länger zur Verfügung steht. Das erklärt, warum viele betroffenen Personen gerne von früher erzählen und da oft sehr detaillierte Erinnerungen präsent sind, während der Inhalt eines eben geführten Gesprächs bereits wieder vergessen wurde und gefühlt alle 5 Minuten dieselbe Frage gestellt wird.

Im allgemeinen kann man davon ausgehen, dass Menschen mit Demenz nicht die Möglichkeit haben auf ihre einzelnen Lebensjahre zurückzublicken. Es ist vielmehr so, dass die zuletzt erlebten Jahre aus dem Gedächtnis verschwinden und für die Betroffenen einfach nicht mehr greifbar sind. Sie sind dann in ihrer Realität nicht 82, sondern vielleicht gerade 30 und voll im Berufsleben stehend und deshalb jeden Morgen sehr früh wach. Oder eine Mutter, die kleine Kinder zu versorgen hat und ist deshalb um die Mittagszeit unruhig ,da sie die Rückkehr der Kinder von der Schule erwartet und für ein Mittagessen zu sorgen hat.

Wenn man diese Vorstellung hat, steigt das Verständnis für die Erkrankung und zeigt einem, dass der Mensch mit Demenz nicht so handelt, um einen zu ärgern. Deshalb ist Aufklärung über die Erkrankung so wichtig. Und wenn nicht nur die betroffenen Familien, sondern auch die Gesellschaft über die Erkrankung Bescheid wissen, hilft das den Betroffenen weiterhin am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, weil man nicht als sonderbar abgestempelt wird. Andere können mit diesem Wissen auch besser mit Menschen mit Demenz eingehen.

Gibt es Verhaltensregeln beim Umgang mit Menschen mit Demenz?

Wichtig ist auf die Menschen zuzugehen und sie einzubeziehen. Dabei sollten Sie immer authentisch bleiben und sich nicht verstellen. Es sollte immer das Ziel sein, Menschen mit Demenz in ihrem Selbstwert zu stärken, ihre Identität zu erhalten, ihre soziale Teilhabe zu fördern und somit ein Zugehörigkeitsgefühl zu haben. Die kommunikativen Fähigkeiten sollten unterstützt und positive Emotionen gefördert werden. Durch Hilfestellung bei der Strukturierung des Alltags kann gerade bei einer beginnenden Demenz die Selbständigkeit gefördert werden.

Grundsätzlich sollten Sie ein Gespräch auf Augenhöhe und nicht von oben herabführen. Verwenden Sie einfache und kurze Sätze und sprechen Sie langsam und deutlich. Fragen Sie nicht mehrere Dinge auf einmal, sondern formulieren einfache Fragen, die mit ja und nein beatwortet werden können und lassen sie vor allem genügend Zeit, um antworten zu können. Unterstützen sie das Gesagte mit Mimik und Gestik. Hören Sie aufmerksam zu und beachten auch die Körpersprache der betroffenen Person. Loben Sie Dinge, die gut klappen.

Was, wenn ich keinen Zugang mehr zu dem Menschen mit Demenz finde? Sich Gespräche immer wiederholen und man das Gefühl hat die betroffene Person versteht einen gar nicht mehr?

Ein Weg Zugang zu einer demenzerkrankten Person zu finden, ist die Erinnerungsarbeit. Indem man beispielsweise Fotos aus früheren Zeiten, alte Lieder und Sprichwörter gemeinsam wiederentdeckt, ergeben sich oftmals Anknüpfungspunkte. Trotzdem sollte man auch darauf vorbereitet sein, immer wieder gleiche Inhalte angesprochen werden und sich Fragen und Gesprächsthemen wiederholen.

Die Kenntnis der Biographie hilft da natürlich weiter. Es ist oft erstaunlich, wie gut beispielsweise ein an Demenz erkrankter ehemaliger Handwerker seine Kunst noch beherrscht, wenn man ihm die Möglichkeit dazu gibt, wohingegen er seinen Alltag nicht mehr alleine bewerkstelligen kann.

 


Tags:
demenz alzheimer gehirn infos


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