Moderator: Manfred Prescher
mit Manfred Prescher
Sendung: AllgäuHIT am Morgen
 
 
Symbolische Fackelübergabe an Memmingens Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger
(Bildquelle: Eva Maria Häfele)
 
Memmingen
Freitag, 12. Juli 2013
Gehörlosenolympiade
Memmingen empfängt olympische Fackelläufer

Ein Jahr nach den Olympischen Spielen und den Paralympics in London tragen die Gehörlosen ihre Spiele mit olympischem Charakter in der bulgarischen Hauptstadt Sofia aus: Vom 25. Juli bis 6. August finden dort die 22. Sommer-Deaflympics statt, die vom IOC offiziell anerkannten „Olympischen Spiele“ der Gehörlosen. Zum ersten Mal in der fast 90-jährigen Geschichte dieser Spiele gibt es im Vorfeld einen Fackellauf von Paris zum Austragungsort, der per Fahrrad auch durch den Süden Deutschlands verläuft. Gestern Abend machten die Fackelläufer Station in Memmingen, wo sie von Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger im Rathaus empfangen wurden.

In Ferthofen nahe der Landesgrenze zu Baden-Württemberg wurden die fünf Fackelläufer vom Präsidenten des Bayerischen Gehörlosensportverbands, Josef Scheitle, und dem Ehrenvorsitzenden des Landesverbands Bayern der Gehörlosen, Rudolf Gast, empfangen.

Radfahrer des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs Memmingen-Unterallgäu (kurz ADFC) begleiteten die Fackelläufer – mit einem kurzen Stopp am Naturdenkmal „Tulpenbaumallee“ in Ferthofen - nach Memmingen, wo sie von Mitgliedern des Gehörlosenvereins Memmingen und Umland mit ihrem Vorsitzenden Robert Albrecht und ihrem Ehrenvorsitzenden Herrn Weigele schon auf dem sonnigen Marktplatz mit Banner und Fahnen erwartet wurden.

Im Beisein örtlicher Medien hieß Oberbürgermeister Dr. Ivo Holzinger die Fackelläufer in Memmingen herzlich Willkommen und geleitete sie ins Rathaus, wo sich bei einem Empfang alle Gäste, darunter auch der Vizepräsident des Deutschen Gehörlosensportverbandes, Peter Fiebiger, ins Goldene Buch der Stadt eintragen durften.

Vom Ursprungsort der Deaflympics 1924 in Paris wird die Flamme zur diesjährigen Gastgeberstadt Sofia gebracht. Dabei wird der größte Teil der Strecke mit dem Rennrad zurückgelegt und die Flamme sicher in Grubenlampen transportiert. Die Strecke führte durch Frankreich und die Schweiz, wo in Genf und Lausanne kurze Stopps bei der UN und dem Hauptquartier des IOC eingeplant wurden, bis zum Bodensee, wo gestern (am 11. Juli 2013) in Friedrichshafen die Fackel an Deutschland übergeben wurde.

Fünf ehemalige Leistungssportler des Deutschen Gehörlosen-Sportverbandes bringen die Flamme in drei Tagestouren von Friedrichshafen über Memmingen und München bis an die österreichische Grenze in Freilassing, wo sie die Flamme weitergeben. Die gesamte Strecke durch Deutschland umfasst rund 385 Kilometer. Von Freilassing aus reist die Fackel weiter durch Österreich nach Slowenien und über Kroatien und Serbien nach Bulgarien, bis sie am 25. Juli in Sofia ankommen wird, damit sie rechtzeitig zum Entzünden des deaflympischen Feuers bei der Eröffnungsfeier am 26. Juli in der Arena Armeec ist.

Was sind die Deaflympics?
Schon 1924, also lange vor den Paralympics, wurden die ersten, damals noch Gehörlosen-Weltspiele genannten, Deaflympics in Paris durchgeführt. Insgesamt nahmen neun Nationen und 148 Sportler an den Wettkämpfen teil.

Die bisher höchste Teilnehmerzahl verzeichneten die 21. Dealympics 2009 in Taiwan mit rund 4000 Aktiven. Für die 22. Spiele in Sofia werden noch mehr erwartet.

Wie auch die Spiele der Hörenden finden die Deaflympics seit 1949 alle vier Jahre statt. Das Auswahlverfahren und die Vergabe der Spiele gleichen dem Verfahren des IOC, nur finden sie immer ein Jahr nach den olympischen und paralympischen Wettbewerben statt. Seit 2001 sind die Deaflympics vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) als die Spiele der Gehörlosen anerkannt und dürfen offiziell den Namen "Deaflympics" tragen.

Deutsche Sportler waren 1924 bei den ersten Spielen noch nicht dabei, obwohl der Gehörlosensport in Deutschland bereits seit 1910 Tradition hat und der Deutsche Gehörlosen-Sportverband damit die älteste Behinderten-Sportorganisation hierzulande ist.

Seit den Weltspielen 1928 in Amsterdam ist Deutschland regelmäßig bei diesem Höhepunkt in der Karriere jedes hörbehinderten Kadersportlers vertreten.

Der Ablauf der Spiele ist vergleichbar mit den Olympischen Spielen und den Paralympics (hier jedoch ohne Einteilung in Schadensklassen - grundsätzliche Voraussetzung für die Teilnahme eines Athleten ist ein Hörverlust von mindestens 55dB auf dem besseren Ohr) und es gelten im Allgemeinen die Regeln der internationalen hörenden Spitzenverbände.

Durch die eigene Kommunikationsform der Betroffenen, die auf visueller Vermittlung und optischer Wahrnehmung beruht, ergeben sich besondere Voraussetzungen für und Anforderungen an die Sportler.

Ihnen fehlen akustische Informationen, die Hörenden zusätzlich zu den visuellen, zur Einschätzung einer Situation zur Verfügung stehen.

Eminent wichtig ist auch das Thema Motivation, einhergehend mit Leistungssteigerung, beispielsweise durch das Anfeuern durch die Zuschauer. Diese zusätzliche Stimulation kommt bei den gehörlosen Sportlern kaum an.

Für Außenstehende immer wieder faszinierend ist die Feststellung, dass über nationale Grenzen hinweg eine Verständigung für Gehörlose untereinander fast problemlos ist, so dass sie eine in sich geschlossene Gruppe bilden. Daher wurden eigene Gehörlosen-Sportveranstaltungen, der "Gehörlosensport" ins Leben gerufen. Er ermöglicht nicht nur sportliche Begegnungen auf gleichem Niveau, sondern bietet den Beteiligten auch viel mehr als im Sport der Hörenden Möglichkeiten, sich sozial und kulturell mit Menschen anderer Nationen auszutauschen.


Tags:
olympia allgäu sofia ioc gehörlos



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