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Sendung: Der AllgäuHIT-MIX
 
 

Ausstellung in Kempten: Allgäuer im Visier der Stasi
18.01.2013 - 07:48
"Feind ist wer anders denkt" - die Ausstellung feiert ihre Premiere in Kempten. Dabei wird bekannt, dass auch Allgäuer ins Visier der Stasi geraten sind.
Gemeinsam mit der Vorgängerausstellung „Staatssicherheit – Garant der SED-Diktatur“ hatte die Ausstellung bisher in mehr als 120 Orten fast 440.000 Besucher. Im Eröffnungsvortrag wird verdeutlicht, dass auch in Kempten einzelne Menschen und Einrichtungen - vor allem Firmen - nicht vom Zugriff des Ministeriums für Staatssicherheit, kurz Stasi, verschont waren: Insgesamt sind bei der Stasi-Unterlagenbehörde bisher 413 Anträge von Bürgern und Institutionen aus Kempten eingegangen. Bei den meisten von diesen Anträgen handelt es sich um Anträge von Bürgern auf persönliche Akteneinsicht (400). Diese Anzahl belegt die Vermutung von Bürgern/ Neubürgern aus Kempten, in das Visier des MfS geraten zu sein.

Recherchen weisen auch auf Geschäftsbeziehungen zu Firmen in Kempten hin, beispielsweise dem Kauf von Reichsbahncontainern über die Berliner Import-/Exportgesellschaft durch eine Kemptener Firma. (Noch Anfang 1989 sind die Gespräche mit den Vertretern der Containerfirma im Kemptener Bergcafe von inoffiziellen Stasi-Mitarbeitern (IM) detailgetreu verschriftet worden, wobei unter den DDRGesprächsvertretern mindestens ein Stasi-Spitzel war. Das Zimmer im Bergcafe kostete damals 70,- Mark - es gab Bier und Kräuterlikör zum Abendessen, der Fernseher funktionierte nur mit Geldeinwurf, man fuhr gemeinsam auf die Zugspitze, die westdeutschen Verhandlungspartner waren nett - und das Geschäft klappte. Einen Fluchtversuch oder alleinige Kontakte eines DDR-Gesprächspartners mit den Westdeutschen gab es nicht – auch nicht in der Nacht, so berichtet der Stasi-Spitzel, denn "der Genosse XY. machte am Morgen einen ausgeschlafenen Eindruck".)

Die Firma Elektroschmelzwerk Kempten war offensichtlich ein Zielobjekt der DDR-Wirtschaftsspionage. DDR-Firmen meldeten der für die Auslandsspionage zuständigen Hauptverwaltung Aufklärung (HVA/SWT) des MfS einen spezifischen Informationsbedarf an, und diese Stasiabteilung sorgte dann für die Beschaffung der Informationen. Offensichtlich war es gelungen, zwei Quellen im Umfeld der Firma Elektroschmelzwerk Kempten zu gewinnen, jedoch nicht direkt in dieser Firma. Diese Personen haben 1988 insgesamt neun Mal über neue keramische Werkstoffe und deren thermische und mechanische Eigenschaften, deren Schwachpunkte sowie über Prüfverfahren berichtet.

Zu den frühesten Nennungen von Kempten gehört eine MfS-Akte mit Beschreibungen von westlichen Geheimdienststellen aus dem Februar 1954.
Darin enthalten sind Informationen zu einer CIC-Dienststelle in Kempten (Counter Intelligence Corps, militärischer Abwehrdienst der USA ). In einer Stasiakte aus Leipzig finden sich ebenfalls zwei Berichte Inoffizieller Stasimitarbeiter über diese Dienststelle in Kempten.

Eine Akte aus Rostock enthält Hinweise auf das katholische Heim St. Georg in Kempten.
Ein Stasi-Spitzel mit Decknamen "Christian" aus der DDR erhielt Arbeitsaufträge zur Erarbeitung von Informationen zur Sparkasse Kempten und deren Mitarbeitern. Diese Informationen sollte er im Rahmen einer genehmigten Reise in dringenden Familienangelegenheiten nach Kempten "erarbeiten".

In Kempten und Immenstadt lebte der Stasispitzel mit den Decknamen "Delta".
Er wurde 1987 angeworben und berichtete vorrangig über den Bayerischen Landesverband des VOS (Verband der Opfer des Stalinismus) sowie über den Bundesverband des VOS. Darüber hinaus lieferte er technische Informationen zu Wälzlagern und zwei Informationen zu KMHB (Kriminelle Menschenhändlerbanden) - so bezeichnete die Stasi Fluchthilfeorganisationen.

In der Kartei der Postüberwachung des DDR-Geheimdienstes, der sogenannten M-Kartei, befinden sich auch viele Briefe aus oder nach Kempten.
So ist Margarethe in Bad Liebenwerda in der DDR Empfängerin eines Briefes von Johanna aus der Kotterner Straße in Kempten. Aus Sicht der Stasi handelt es sich bei der in Kempten in der Kotterner Straße lebenden Person um eine "operativ-interessante Person im Operationsgebiet". Zusätzlich ist der Vermerk aufgetragen "ehemaliger Bürgermeister", wobei nicht deutlich wird, ob Absender oder Empfänger gemeint sind. In der Reichenberger Straße in Kempten wohnt Sabine. Sie hat Briefkontakt zu Marina aus Weißwasser. Offensichtlich sind die Briefe von Marina nach Kempten an eine ehemalige DDR-Bürgerin gerichtet, die nach Kempten ausgereist ist. Die Briefe wurden von außen fotografiert, dann geöffnet und fotokopiert.

Die Neujahrsgrüße auf einer Postkarte von Bernd aus Cottbus in die Kemptener Maler-Lochbihler-Straße führen dazu, dass der Empfänger der Karte in Kempten in das Visier des Ministeriums für Staatssicherheit gerät. Seine Reisetätigkeit soll ergründet werden und alle empfangene bzw. besuchte Personen erfasst werden.

1981 geht Post in die Kemptener Breslauer Straße bzw. die Duracherstraße. Sie ist von brisantem Inhalt. Der Briefeschreiber aus der DDR bittet die Kemptener, ihn bei seinem Vorhaben zu unterstützen, die DDR zu verlassen. Dies soll unbedingt vor dessen Einberufung am 4. Mai 1981 realisiert werden. Offensicht lich gelingt es nicht, denn auf einer der Postüberwachungskartei angefügten Vorgangskarte heißt es „Ermittlungsverfahren mit Verurteilung nach § 213 Strafgesetzbuch der DDR“.

Wenn sich Besucher aus Kempten in der DDR befanden, hatten sie nicht selten ungebetene Begleiter oder Beobachter:
In der Kfz-Kennzeichen-Kartei der Stasi befinden sich auch die Autokennzeichen der Kemptener Besucher bspw. im Bezirk Cottbus wieder. Der gelbe Opel Kadett-Kombi mit dem Kennzeichen KE-M XXX ist 1980 in Senftenberg Objekt der Beobachtung: "Hält vor Haus Nr. 18, männliche Person steigt aus und geht in das genannte Haus, kommt nach 10 Minuten mit einer weiblichen Person und Kind heraus, beide steigen in das Fahrzeug, Personen setzen die Fahrt fort …"

KE-J XXX, ein roter Ford: 31.08.1980, Flugplatz Finsterwalde: "Vorbeifahrt mit ca. 70 km/h am Flugplatz. Es herrschte Flugbetrieb …" Ein Jahr später ist der Kemptener wieder zu Besuch in der DDR - am 08.08.1981 fährt er erneut am Flugplatz Finsterwalde in Richtung Pechhütte vorbei - diesmal um 13:37 und mit 80 km/h - wiederum herrscht gute Sicht …

Von großem Interesse war für das MfS stets auch die Überwachung des Funkverkehrs und in diesem Zusammenhang die Ermittlung ost- und westdeutscher Funkamateure. In diesem Zusammenhang ist auch der Kemptener Hans wohnhaft Ober’m Stadtweiher in einer Akte der HA III, zuständig für die Funküberwachung, erfasst. Umfangreiche Unterlagen lassen sich zu einem berühmten Kemptener finden: Reinhard Furrer verbrachte seine Kindheit in Kempten, ging zum Studium nach West-Berlin und engagierte sich dort in der "Arbeitsgemeinschaft 13. August". Er war an der berühmten Fluchthilfe-Aktion „Tunnel 57“ im Jahr 1964 beteiligt: 57 Menschen gelang die Flucht nach West-Berlin. Die Stasi bezeichnete Furrer noch 1984 als „ehemaliges Mitglied der Feindorganisation "Arbeitsgemeinschaft 13. August". Ein Stasi- Spitzel mit dem Decknamen "Peter Schäfer" versucht zum gleichen Zeitraum die Leiterin eines Westberliner Verlegerbüros über Furrer auszuhorchen und äußerte: "Ich bemerkte, dass ich Furrer als einen der wenigen idealistischen Fluchthelfer schätze. Daraufhin erklärte mir die XY, das stimme, denn heutzutage gäbe es wenige Idealisten unter den Fluchthelfern."

Ausstellung: Feind ist wer anders denkt, ab sofort bis 7.Februar 2013 in der Aula der Berufsschule 1 in Kempten.

Bilder und Informationen: Rüdiger Sielaff (BStU), Frankfurt/Oder

 
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